Die Geschichte von der Politesse

Sie is alt, klein und dick, trägt eine kurze, dunkelbraungefärbte Dauerwelle aus den 80ern und eine Hornbrille wie ein CSU-Parteifunktionär in den 70ern. Diese sitzt auf einer Kartoffelnase mit einer markanten Warze, aus der einige wenige, aber auffällig lange Haare sprießen.

Sie lauert, bis ihre Opfer außer Sichtweite sind. Dabei presst sie ihre faltigen Lippen aufeinander und schnaubt durch ihre Kartoffel. Der kräftige Luftstrom bringt dabei ihre Barthaare zum Zittern und lässt den Bewuchs auf der Warze im Wind wippen, wie Weizen im Sommerwind.

Kaum ist der Übeltäter verschwunden, wackelt sie hastig mit stumpeligem Gang aus der Deckung, um mit voller Härte Zucht und Ordnung wiederherzustellen. Während sie mit der Anmut des fetten, gemeinen Kleinkinds aus der Nachbarschaft, das keiner leiden kann, dessen Eltern aber nichts auf ihren Wonneproppen kommen lassen, in Richtung des anvisierten Objekts stolpert, folgen ihr ein paar aufgebrachte Fliegen und eine latente Wolke der Verwesung, die die Blumen am Wegesrand verwelken lässt - Eine Mischung aus Parmesan und Abfluss.

Als sie vor dem Objekt der Begierde steht, muss sie erst mal Luft holen. Aus dem zu vernehmenden Röcheln wird deutlich, dass sie sich ausschließlich von Zigaretten und Fett ernährt. Sie stemmt beide Fäuste in die Hüften und betrachtet stolz ihren Fang - einem rostigen, alten Kleinwagen, dessen roter Lack bereits von der Sonne ausgebleicht wurde und der einem dieser widerlichen Studenten gehören muss. Dem wird sie es zeigen.

Sie grinst hämisch, während sie den Zettel ausfüllt. Dabei kommen ihre dunklen, schiefen Zähne zum Vorschein, die aussehen, wie eine Horde stark betrunkener, ledriger, alter Männer - Vorne singen zwei in inniger Umarmung, an den Seiten sind einige bereits hingefallen und versuchen sich wieder aufzurichten, der Rest irrt ziellos umher und wundert sich, wie er in diese Situation geraten konnte. In die Landschaft ergießt sich der Geruch von Kadavern. Es ist die Sorte Geruch, die einen mit einem gestauchten "Oh mein Gott!", rückwärts wieder aus einem Zimmer taumeln lässt, während man versucht, den Brechreiz zu unterdrücken. In der Ferne kann man leise die Wölfe heulen hören.

Sollte man das unfassbare Pech haben, rechtzeitig wieder anzukommen und es wagen, sie beim Schreiben ihres Manifests mit einer Entschuldigung oder einer Unschuldsbeteuerung zu unterbrechen, zitiert sie einem in einem schleppend langen Monolog mit Paragraphen, Absätzen und Interpunktion den Abschnitt der Straßenverkehrsordnung, gegen den man verstoßen hat, belehrt einen über die Gefahren eines so achtlos und schändlich abgestellten PKW und spuckt Gift und Galle, was so eine scheußliche Person überhaupt im Straßenverkehr verloren hat. Ihre Stimme verändert sich dabei von einer Mischung aus einem Bergtroll und einer Ziege zu einer Schlagbohrmaschine, die in einer Betonwand gerade auf die Bewehrung gesoßen ist und kurz vor dem Schmelzen steht.

Die einzige Chance, die man hat, ihr auszukommen, ist zähneknirschend Reue und Einsicht zu zeigen und Besserung zu geloben und dass man sein reudiges Lotterleben wieder in den Griff bekommt. Während man sich zitternd vor Wut und Verwirrung in den Fahrersitz schwingt und mit sowohl für das festgelegte Tempolimit, als auch die geistige Verfassung überhöhter Geschwindigkeit davonbrettert, rollen einem dicke Tränen von der Wange. Es wird Zeit, die Eltern anzurufen. Man braucht ein Gespräch mit einem Erwachsenen.