Die Neue Zeit

Rosa Stretch Limos karren 18-Jährige Pseudo-Nutten durch die Nacht. An jeder Ecke ein Casino. Die bunten Lichter locken Gierige und Süchtige. Die Leute streiten und prügeln sich in den Straßen. Einige, weil sie voll sind, andere, weil sie ihr Testosteron nicht in den Griff bekommen. Auf dem Gehsteig liegen Glasscherben und Kotze.
 
Es schwelt Unruhe. Zwischen Idioten, die sich ständig über alles fremd-aufregen und stellvertretend für alle Minderheiten pikiert sind und solchen, die nichts Besseres zu tun haben, als all deren Unzulänglichkeiten herauszustellen und Dinge zu Problemen zu machen, die keine sind. Zwischen Schneeflocken, die Ihr Geschlecht als "Einhorn" angeben und beleidigt sind, wenn man unwissend das Falsche Pronomen verwendet und xenophoben Panikmachern, die Liebe aufgrund ihrer Rahmenbedingungen als abscheulich bezeichnen, weil sie nicht in ihr schuhschachtelgroßes Weltbild passt. Zwischen dem rechten und Linken Rand der Gesellschaft wird ein Feuer geschürt, das auf dem Rücken der Mitte abbrennt.
 
Ständig muss man sich entscheiden. Ist man für das eine, muss man automatisch gegen das andere sein. Eine diversifizierte Meinung zu haben und sie nicht jedem aufs Auge zu drücken ist nicht mehr zeitgemäß. Genauso wenig, wie Dinge von Fall zu Fall zu entscheiden oder mit einem offenen Geist auch unangenehme Fakten in die Rechnung aufzunehmen. Alles wird pauschalisiert und jeder ist Experte, der seinen boulevardgetränkten Senf überall dazugeben muss. Es geht beim Diskutieren nicht mehr um das Ergebnis oder was objektiv besser für alle ist, sondern wer Recht bekommt weil er das drastischste Argument auf die Tastatur geschissen hat. Unsere Methodik zur Problemlösung ist zu einem schlechten Rap Battle in einer Dorfdisko geworden.
 
Dinge nur zur Kenntnis zu nehmen geht auch nicht mehr. Die Reaktion ist wichtig. Reaktion auf den Müll, mit dem sie uns vollstopfen. Auf die Skandale der Marionetten, auf das sinnfreie Geblubber von irgendwelchen Influencern oder sprechenden Köpfen im Verdummungskasten. Meinungsgerecht zerschnitten, sortiert nach dem Ende des Spektrums, das wahlweise die meiste Betroffenheit, Entrüstung oder Angst um den Verlust unseres wichtigsten Kulturguts auslöst: Den Sitz im Sattel unseres viel zu hohen Rosses. Ein perpetuum Mobile negativer Emotionen.
 
Ausstaffiert mit grenzenloser Nullinformation, garniert mit Worten im Titel, die Klicks generieren und nichts verraten. "Das hast du noch nie gesehen.", "Die 10 besten Tipps", "17 schockierende Fakten", "Die 22 unheimlichsten Fotos", "Ärzte hassen diesen Trick". Und wenn wichtige Themen aufkommen, die die Freiheit und Handlungsfähigkeit aller betreffen, verlieren sie sich in denselben Scharmützeln in den Kommentarfunktionen der sozialen Medien und werden in der Sommerpause schnell durch den Bundestag gewunken. Ein bißchen Vorratsdatenspeicherung hier, ein wenig mehr Überwachung dort. Den Unternehmen nacheifernd, die die Daten über unser Verhalten bereits seit Jahren aufzeichnen, bewerten und verkaufen, ohne, das jemand auf die Straße geht. Sie erschaffen künstliche Intelligenz - ein Vorgang, der atemberaubend schön ist -  und nutzen sie, um uns noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Oder sie ködern uns mit "kostenlosen" Dienstleistungen und die kumulierte, ausgewertete Information, die mehr über uns verrät, als wir selbst wissen, ist das Produkt.

Jeder Atemzug riecht inzwischen nach Abgasen und schmeckt nach Asphalt. Im Winter fällt kein Schnee mehr, im Sommer fressen Hitzewellen die Flora. Konzerne mit mehr Macht, als unsere gewählten Vertreter nehmen "Wissenschaftler sind sich einig" grinsend zur Kenntnis, während sie die Arbeitskraft der Lemminge verheizen, sich die Taschen vollstopfen und alles verpesten. Der Planet wird unter lautem Ächzen und Knarren zum Höchstpreis verkauft, während darauf zu leben immer schwieriger wird. Und wir sehen dabei zu. Wir treten auch nicht mehr nach oben, weil der Job, der uns am Absaufen hindert, viel zu wichtig ist, um ihn für bessere Bedingungen zu riskieren. Work, Sleep, Repeat, Hamsterrad.

Die Scheinchen mögen zwar grün sein, doch Sauerstoff produzieren sie nicht.
 
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